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Kriegsgefangenenlager 1914 in Tönnishäuschen

Geschrieben von Heiner Klostermann

Ein fast vergessenes Kriegsgefangenenlager gerät zum 100-Jährigen des Ersten Weltkriegs wieder in den Fokus: Zwischen 1914 und 1918 waren Engländer und Schotten auf dem Hof Rieping-Ketteler in Tönnishäuschen untergebracht. Sie arbeiteten in dieser Zeit auf den umliegenden Höfen und in nahen Betrieben.

 

Kriegsgefangene des 1.Weltkriegs in Tönnishäuschen 1914Kriegsgefangenenlager – das klingt nach Massenabfertigung, nach Hunger und Entbehrung. Die Zustände, die vor gut 100 Jahren in Tönnishäuschen herrschten, waren jedoch weit davon entfernt. Wer hier ins Lager musste, durfte sich gleich heimisch fühlen. Das zumindest belegen Aufzeichnungen der örtlichen Bauern, bei denen die meisten der rund 30 Engländer und Schotten damals beschäftigt waren. Eine eher ungewöhnliche Geschichte aus einer Zeit, die sonst eher düstere Erinnerungen weckt.

Eingerichtet wurde das Kriegsgefangenenlager zwischen 1914 und 1918 auf dem Hof Rieping-Ketteler an der „Chaussee von Tönnishäuschen nach Vorhelm“. Dort gab es genug Platz für Unterkünfte, und die Lage war zentral. Von dort aus schwärmten die Insassen morgens unter Aufsicht zu den zugeteilten Arbeitsstätten aus, abends kehrten sie zurück. Ein Schotte war beispielsweise bei der Gaststätte Samson beschäftigt und wurde schnell „gut Freund“ mit der Familie. Ihr sind auch die womöglich einzigen erhaltenen Fotos jener Kriegsgefangenen zu verdanken, die in diesem Bericht abgedruckt sind.

20 Jahre später, am 18. Dezember 1934, erschien im „Hannoverschen Courier“ ein Zeitungsartikel, der die angenehme Atmosphäre zwischen den Gefangenen und der Zivilbevölkerung eindrucksvoll widerspiegelt. Darin beschreibt ein Redakteur das Treffen mit einem früheren Lagerinsassen namens Jimmie. Wo dieses Treffen genau stattgefunden hat, bleibt offen. Vielleicht im Raum Hannover, vielleicht aber auch – sofern der Autor ein Korrespondent war – in der britischen Heimat von Jimmie.

„Kennen Sie Tönnishäuschen?“, hat der Engländer demnach zu Beginn des Treffens gefragt. „Tut mir leid, nein. Wo ist denn das und – entschuldigen Sie – was ist das genau?“, lautete die Reporter-Antwort. Diese Frage muss den Ex-Gefangenen erheitert haben, denn er vertrat laut Bericht die Ansicht, dass jeder Deutsche Tönnishäuschen kennen müsse, weil es so „klein und hübsch“ sei. Und so begann Jimmie zu erzählen.

Ein kriegsgefangener Schotte in traditioneller Kluft 1916Hier ein Auszug aus Jimmies Bericht: „In Tönnishäuschen war ich vier Jahre lang. Ich habe dort die schönste Zeit meines Lebens verbracht, das kann ich Ihnen sagen.“ Jimmie wurde auf einem Bauernhof beschäftigt, wobei er das Wort „beschäftigt“ im Interview gleich relativierte. „Wie einen Sohn haben sie mich aufgenommen, wie einen Bruder haben sie mich behandelt. Ich war ja noch so jung. Sehen Sie, ich hatte natürlich Heimweh. Es dauerte aber nicht lange, da sagte ich ,Mother‘ zu der Bäuerin und nannte den Bauern ,Dad‘. Das mochte er besonders gern, denn was ,Father‘ hieß, das wusste er schon, aber ,Dad‘ war noch etwas ganz Besonderes.“

Zum Schluss fragt der Reporter, wie die Bauern denn Jimmie nannten. „Na ja, ich heiße James, aber zu Hause nennen sie mich Jimmie“, wird der Engländer zitiert. „Davon wollten ,Mother‘ und ,Dad‘ in Tönnishäuschen nichts wissen. Sie nannten mich James. Aber sie konnten es nicht richtig aussprechen, sie machten immer ein ,Schaimes‘ daraus. Und wenn ,Mother‘ entdeckte, dass ich ein Stück Kuchen stibitzt hatte, dann sagte sie: ,Schaimes‘ ist wieder am Kuchen gewesen. Aber sie war nicht böse, denn sie freute sich über jeden, der einen guten Appetit mit nach Hause brachte.“ Kein Wunder, dass der Bericht im „Hannoverschen Courier“ mit dem Titel „Sehnsucht nach Tönnishäuschen“ versehen wurde.

Heute erinnert nichts mehr an das frühere Kriegsgefangenenlager, auch wenn der Hof Rieping-Ketteler nach wie vor existiert. Umso bedeutungsvoller werden jene seltenen Fotos und Berichte aus der Zeit des Ersten Weltkrieges.

Ahlener Zeitung. Bericht: Christian Wolff

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