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Landwirte in Existenzangst, wenn Biogasanlage kommt

Geschrieben von Israel Mossad

Die heimische Landwirtschaft macht gegen die geplante Biogasanlage bei Bosenberg mobil. „Wir haben erhebliche Bedenken“, sagte gestern der Dolberger Ortslandwirt Hermann Stratmann im Gespräch mit dem Ahlener Tageblatt. 

Foto: Maria Kessing
Von Seiten der Bauern hagelt es massive Proteste gegen die Biogasanlage
„Wir“, das sind nicht nur Landwirte aus Ahlen, sondern auch aus den Nachbarorten Beckum, Sendenhorst, Ennigerloh und Hoetmar, die die Verantwortlichen in der Politik zu einem Umdenken bewegen wollen.

Dazu haben sich etwa 25 Berufskollegen von Hermann Stratmann in der vergangenen Woche mit Vertretern der Ahlener CDU, darunter Fraktionschef Carl Holtermann und Parteichef Lutz Kuligowski, getroffen. Am Mittwoch 20.Februar sollen die Gespräche mit SPD und Grünen fortgesetzt werden. Denn im Rahmen der Bauleitplanung hält der Stadtrat die Fäden in der Hand. Im Klartext: Er entscheidet darüber, ob das ehemalige Zementwerk Bosenberg als Biogasanlage genutzt werden kann.

Die Kritik der Landwirte richtet sich vor allem gegen die Größenordnung der geplanten Anlage. Für die Erzeugung von zwei Megawatt Strom würden 700 und mehr Hektar Fläche zum Anbau nachwachsender Rohstoffe benötigt. Das bedeute, dass auch aus dem weiteren Umfeld Agrarrohstoffe angeliefert werden müssten. Die Befürchtung der Landwirte: Ein Verteilungskampf um die besten Anbauflächen entbrennt, die Pachtpreise steigen und es tritt eine Verknappung von Futtermitteln ein. Und das in einer Gegend mit vielen Veredlungsbetrieben, die Milchvieh-, Schweine- und Bullenhaltung betreiben. „Die Bauern sehen das mit großer Sorge“, sagt Ahlens Ortslandwirt Norbert Knipping. Sein Kollege Stratmann befürchtet sogar, dass mehr als 1000 Hektar Anbaufläche für den Betrieb einer Biogasanlage bei Bosenberg erforderlich werden. Flächenknappheit führe zu steigenden Getreidepreisen. Zu viel Bedarf, zu wenig Land. So schaukelten sich die Preise für die Feldfrüchte hoch. Die Zeche zahle letztendlich der Verbraucher, wenn die Preise für Lebensmittel steigen. Von den Auswirkungen einer Mais-Monokultur auf die Münsterländische Parklandschaft ganz zu schweigen.

„20 bäuerliche Familienbetriebe bleiben auf der Strecke, damit eine Industrie-Ruine genutzt werden kann“, nimmt Stratmann kein Blatt vor den Mund. „Wir haben nichts gegen landwirtschaftliche Biogasanlagen“, stellt der Dolberger klar. Bei Bosenberg, so seine Befürchtung, entstehe jedoch eine gewerbliche Anlage, ein Prestigeobjekt des Stromriesen Eon, der als Betreiber im Gespräch ist. Inzwischen zieht die Diskussion auch Kreise bis zum Landwirtschaftlichen Kreisverband, der sich ebenfalls in dieser Woche mit dem Thema beschäftigen wird.

Die Landwirte hoffen, dass die Politiker ihre Bedenken ernst nehmen. Denn schließlich gibt es auch noch eine ethische Seite: Vertreter beider Kirchen kritisierten heftig das Verbrennen von Getreide zur Energiegewinnung, anstatt den Hunger in der Welt zu bekämpfen.

Foto: Maria Kessing
Die Landwirte protestieren gegen den hohen Flächenverbrauch der Anlage
Landwirte laufen Sturm gegen Biogasanlage auf Zement-Ruine

Landwirte aus Ahlen und den Nachbarorten haben massive Bedenken gegen eine auf dem ehemaligen Zementwerk Bosenberg in Vorhelm geplante Biogasanlage. Zahlreiche Anwohner wehren sich ebenfalls gegen das ehrgeizige Projekt, für das zurzeit die Bauleitplanung läuft. Die Kritik der Landwirte richtet sich vor allem gegen die Größe der Anlage (zwei Megawatt Stromleistung) und eine mögliche Beteiligung des Düsseldorfer Stromriesen Eon.

Der Vorhelmer Standort der Heidelberg Cement AG war Mitte 2007 geschlossen worden zum Zwecke einer Optimierung der Produktionsabläufe in den Werken in Westfalen. Im Frühsommer des vergangenen Jahres zeichnete sich dann mit der Ahlener Energiegesellschaft ein Nachnutzer für die Industrieruine ab. Im Mai wurden die ersten Beschlüsse zur Bauleitplanung gefasst. Seinerzeit war die Rede davon, das 880 Kilowatt (kW) ins Stromnetz eingespeist werden sollten.

Biogas entsteht bei der Zersetzung von organischen Pflanzen, Abwässern, Siedlungsabfällen, Mist oder Gülle und dient der Gewinnung von Strom und Wärme. Grundstoff für die Vorhelmer Biogasanlage soll vor allem Mais sein. Das führt jedoch nach Meinung der Landwirte zu immer mehr Flächenbedarf, der in der Nahrungsmittelproduktion fehlt. Steigende Pachtpreise treffen vor allem die Betriebe, die mit Hilfe zugepachteter Flächen ihre Veredlung ausgeweitet haben. „Damit wird die Region plattgemacht“, zeigte gestern der Beckumer Ortslandwirt Bernhard Kleibolde die Folgen auf. Die Kritik der Landwirte richtet sich nicht gegen ein landwirtschaftlich geführtes Bio-Kraftwerk. Für den Betrieb einer 2-Mega-Watt-Anlage benötige man jedoch mindestens 700 Hektar Anbaufläche. „Wir sehen uns dadurch in unserer Existenz bedroht“, sagt der Dolberger Ortslandwirt Hermann Stratmann, der seine Berufskollegen auffordert, am kommenden Montag, 25. Februar, ab 18 Uhr an einer Bürgerversammlung in der Stadthalle Ahlen.

Für Eon sei Bosenberg nur ein Abschreibungs- und Prestigeobjekt – letzteres für manchen Kommunalpolitiker auch – befürchten die aufgebrachten Landwirte aus Ahlen und Umgebung.

 


Kommentar: Das Misstrauen ist berechtigt

Von MARIA KESSING

 

Das hatten sich die Verantwortlichen im Rathaus und die Betreiber der geplanten Biogasanlage bei Bosenberg wohl ein wenig anders (und geräuschloser) vorgestellt.

Seit Mai 2007 wissen sie um den Aufklärungsbedarf und versprechen, den Schritt nach vorne zu machen. Doch den Worten sind bislang keine Taten gefolgt. Das nährt den Verdacht (nicht nur bei den Landwirten), dass man die Genehmigung im Schnelldurchgang durch die politischen Instanzen peitschen wollte.
Die mehr als mangelhafte Informationspolitik hat inzwischen nicht nur die Landwirte misstrauisch gemacht, auch Kommunalpolitiker wollen wissen, woher der (Bio-???)Wind weht. Was ist wirklich am ehemaligen Zementwerk Bosenberg geplant und vor allem von wem? Welche Rolle spielt der Strom-Riese EON in dem undurchschaubaren Betreiber-Geflecht?

Die Nachnutzung einer Industrieruine kann nicht das einzige Kriterium für eine Entscheidung zugunsten einer Biogasanlage sein. Außerdem kann man die berechtigten Bedenken nicht lapidar mit dem Satz „Auch Landwirte müssen sich dem Wettbewerb stellen“ ignorieren.

Die Appelle zu einer Versachlichung, wie gestern wieder von Erhard Richard (CDU), verhallen, solange sich die betroffenen Bürger nicht ernst genommen fühlen. Es wird höchste Zeit, dass verloren gegangenes Vertrauen wieder hergestellt und den Bauern die Existenzängste genommen werden. Denn der Boden, von dem sie leben, ist nicht beliebig vermehrbar. Das sollten jene bedenken, die über die Biogasanlage entscheiden. „Auch Bauern sind Wähler“ – wohl wahr.

 

 Maria Kessing schreibt für Ahlen-Vorhelm Web Portal und das Ahlener Tageblatt.

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