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Mussolinis Befreiung von Lügen umrankt

Geschrieben von DocChicago

Der eine war einmal ein Fallschirmjäger, der andere ist es heute. Obwohl Wolfgang Rüdiger und Marcel Engl­brecht einige Jahrzehnte trennen, haben sie sich viel zu erzählen. Die Truppengattung ist bis heute eine verschworene Gemeinschaft.

Wolfgang Rüdiger (l.) und Marcel Englbrecht: Der eine absolvierte vor mehr als 70 Jahren seine Sprünge, der andere ist heute aktiv in der Fallschirmjägertruppe. Foto: Christian WolffAls Wolfgang Rüdiger mit Herzklopfen und dem nötigen Adrenalin im Blut seine ersten Sprünge aus schwindelerregender Höhe absolvierte, tobte der Zweite Weltkrieg . „Der Tod war allgegenwärtig“, erzählt der ehemalige Fallschirmjäger . Und sein Gegenüber hört ihm gebannt zu. Marcel Englbrecht trennen zwar mehr als sechs Jahrzehnte von diesem Zeitzeugen, dennoch haben beide eine enge Verbindung. Auch Englbrecht ist Fallschirmjäger.

Obwohl beide dieselbe Stadt ihre Heimat nennen, lernten sie sich erst vor wenigen Tagen persönlich kennen – eher durch Zufall, nach einem Gespräch Engl­brechts mit einem Freund. Darin sei es um die Befreiung des gestürzten italienischen Diktators Benito Mussolini am 12. September 1943 gegangen, verrät der durchtrainierte Mann. Ein Ereignis, von dem seine Kameraden nur noch aus den Geschichtsbüchern erfahren können. „Ich kenne jemanden, der damals dabei war. Er kann davon erzählen“, habe der Freund zu Englbrecht gesagt. Der Kontakt zu Wolfgang Rüdiger war schnell hergestellt. Die „Ahlener Zeitung“ durfte nun das seltene Treffen der Fallschirmjäger-Generationen begleiten.

Wolfgang Rüdiger ist ein echtes Sonntagskind. Nicht nur, weil der gebürtige Berliner tatsächlich an einem Sonntag vor mehr als 90 Jahren das Licht der Welt erblickte, sondern auch, weil er die Schrecken des Zweiten Weltkriegs mit viel Glück und Zuversicht überstanden hat. „Ich denke immer positiv“, verrät er bei einer Tasse Kaffee, wie er fit geblieben ist. Heute ist Rüdiger Diakon in der Pfarrgemeinde St. Pankratius in Vorhelm.

Vor mehr als sieben Jahrzehnten wusste der Mann, der im März seinen 91. Geburtstag feierte, oft nicht, ob er überhaupt noch einmal nach Hause kommen würde. Rüdiger streift den Tod junger Soldaten bei Sprüngen oder Gefechten, oft hautnah miterlebt, eigene Verwundungen und Ängste nach der Befreiung. Fotos aus diesen schicksalhaften Jahren gibt es nur wenige. „Meine Mutter hat damals das meiste verbrannt“, sagt Rüdiger. „Man hatte ihr gesagt, wenn die Alliierten Fotos mit Uniformen bei ihr finden, wäre das nicht gut.“ Immerhin: Der Fallschirmjäger-Pass hat alle Zeiten überdauert. Etwas verärgert ist Rüdiger noch immer, dass SS-Offizier Otto Skorzeny später behauptete, jene Mussolini-Befreiung sei alleiniger Erfolg von ihm und seinen SS-Leuten gewesen. „Es hieß, wir Fallschirmjäger wären nur Statisten gewesen“, kritisiert der Zeitzeuge. „Aber wir konnten nichts machen.“ Karl Student, General der Fallschirmjägertruppe, habe die Lüge bei Reichsmarschall Hermann Göring vorgetragen. Aber dieser habe gesagt: „Ich will keinen Ärger mit Himmler.“ So blieb die Äußerung stehen.


"Ich denke immer positiv."

Wolfgang Rüdiger


Fast zwei Stunden hört Marcel Englbrecht fast unentwegt zu, ist sichtlich bewegt angesichts der Berichte, die vielen jungen Leuten heutzutage so unvorstellbar erscheinen. Englbrecht ist seit 2004 Angehöriger der Fallschirmjägertruppe, war in den ehemaligen Verbänden Fallschirmjägerbataillon 313 und 263 aktiv. Beide sind inzwischen aufgelöst. Seine aktuelle Verwendung darf er aus dienstlichen Gründen nicht preisgeben. Aber: Mit Wolfgang Rüdiger will er Kontakt halten. Die Lebenserinnerungen des Ahleners, die er für Familienangehörige und Freunde aufschreb und drucken ließ, bestellte Englbrecht direkt im Zehnerpack – als Lektüre für seine Kameraden von heute.

Ahlener Zeitung, Bericht und Fotos: Christian Wolff

 

Wenige Wochen nach Erscheinen dieses Berichts ist Wolfgang Rüdiger im Alter von fast 92 Jahren verstorben. Lesen Sie hier einen Nachruf.