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Illusion einer Zeitreise

Geschrieben von Christian Wolff

Ein Jahrmarkt wie in den 20er Jahren: Ahlens kleinster Ortsteil Tönnishäuschen „rummelt“

In Tönnishäuschen rummelts im Stil der 20er Jahre mit Schauboxkämpfen und Wahrsagerin
Es ist nicht allein die Uniform, die Respekt einflößt. Es ist der ernste Blick von Wachtmeister Michael Kendermann. Wenn er ein Handy sieht, muss der Mann mit der Pickelhaube einschreiten.

 

„Mobiltelefone? So was gab es in den 20ern noch gar nicht“, erklärt er und deutet unmissverständlich aufs dörfliche Zuchthaus. „Wer nicht pariert, kommt da rein!“ Hinter dem vergitterten Fenster ist es dunkel, nur ein lautes Wehklagen dringt nach außen. Die traurige Stimme – sie kommt natürlich nur vom Band – tut der ausgelassenen Jahrmarkt-Stimmung keinen Abbruch. Aber die Illusion einer Zeitreise ist perfekt.

Das Dorf Tönnishäuschen – mit rund 500 Einwohnern Ahlens kleinster Ortsteil – ist am Wochenende kaum wiederzuerkennen: Bewohner, Häuser und Fahrzeuge erscheinen allesamt im Stil der „Goldenen 20er Jahre“. Und sie beweisen, dass eine Kirmes auch ohne viel Technik Spaß machen kann. Stattdessen dreht Stelzenläufer Jörg Beier mit seiner Marionette Tanja Miloczewski seine Runden, ruft Marktmeister Axel Ronig zum großen Schau-Boxkampf und lässt Martina Rusak den Filmprojektor im Stummfilmkino rattern. Fast schon vergessene Spiele wie „Hau den Lukas“ oder Dosenwerfen stellen für Niklas und Lisa sogar die Playstation ins Abseits. Und Anja Linder lässt sich bei der schrulligen Wahrsagerin aus dem Gauklerwagen die Zukunft vorhersagen. Bezahlt wird mit „Tönnis-Talern“, einer eigenen Währung, die nur zwei Tage lang gilt.

Die Idee, sagt Hauptorganisator Thomas Gerullis, sei im Grunde geboren, als die moderne Kirmes im Nachbardorf Vorhelm einschlief. „Wir wollten mal etwas ganz anderes machen, ganz ohne Kitsch und Kommerz.“ Außerdem habe es in Tönnishäuschen noch nie einen Jahrmarkt dieser Größenordnung gegeben. Aber: Im Organisieren von Großveranstaltungen sind die Tönnishäuschener sturmerprobt. Im Jahr 2005 stellten sie aus eigenen Kräften einen eigenen Weihnachtsmarkt auf die Beine, im Vorjahr ein Kulturfest auf sieben Bauernhöfen.

Ein Jahr lang arbeiteten die Dorfbewohner nun an ihrem 20er-Jahre-Rummel-Projekt, trafen sich regelmäßig zur Ideenfindung, besorgten Originalkleidung jener Tage und informierten sich über die Zubereitung zeittypischer Speisen. Sogar die gräfliche Dorfgaststätte, die zum Leidwesen vieler seit Jahren nicht mehr betrieben wird, durfte für dieses besondere Wochenende reaktiviert werden. Wie früher eben.

Ein Soldatentrupp wurde unterdessen an den Dorfgrenzen postiert. Sie sorgten dafür, dass auch ja kein Fahrzeug nach Tönnishäuschen kam, das nach 1929 gebaut worden ist. Moderne Gefährte mussten draußen bleiben – auf extra eingerichteten Wiesen-Parkplätzen. Jupp Berkhoff durfte durch. Seine Kutsche wurde 1918 erbaut und ist in diesen Tagen gefragter fahrbarer Untersatz für Dorfrundfahrten.

„Es ist unglaublich, dass wir das geschafft haben“, sagte Thomas Rieping. Dem Vorsitzenden des örtlichen Kulturvereins steht die Erleichterung ins Gesicht geschrieben, als sich das Karussell am Samstag zu drehen beginnt und das „Kuriositätenkabinett“ seine Pforten öffnet. Apropos Karussell: Auch hier hat der Planungsstab Händchen bewiesen und Susanne und Alex Fredebeul engagiert, die ein echtes Kirmeskarussell aus dem Jahr 1929 restauriert haben. „Davon gibt es heute kaum noch welche“, weiß die Expertin. „Erst recht nicht auf den üblichen Jahrmärkten.“

Sogar Auswärtige kommen in historischer Kluft / Eigene Währung: „Tönnis-Taler“ / Kuriositäten

 Während die Waschweiber eine Leine quer über die Straße spannen und ihre Wäsche aufhängen, läuft darunter ein junger Schuhputzer her und stößt ein paar Meter weiter mit dem Leierkastenmann zusammen. So ein Schauspiel gibt es nur auf dem Jahrmarkt von anno dazumal? Stimmt! Am Wochenende ist ganz Tönnishäuschen in Rummelstimmung wie in den 20er Jahren. Das lockt vor allem Sonntag massenweise Publikum ins Kapellendorf.

Mit viel Liebe zum Detail haben die Einwohner von Ahlens kleinstem Ortsteil die Dorfmitte in einen historischen Schauplatz verwandelt und bieten den Besuchern aus dem ganzen Kreisgebiet zwei Tage lang ein Kirmestreiben der besonderen Art. Anstelle von Autoscooter und Riesenraupe dreht hier ein uraltes Kinderkarussell seine Runden und verzaubert mit seinem Dasein nicht nur die jüngsten Rummelbesucher. Um hier mitzufahren, kann nicht etwa mit dem Euro bezahlt werden. Da müssen die Gäste zuerst zum Tönnishäuschener Postamt, wo eine Wechselstube das in Europa gängigste Zahlungsmittel in die eigene Währung – nämlich den „Tönnis-­Taler“ – umtauschen.

Eigentlich längst geschlossen, wird die Alte Schänke Samson für das zweitägige Großereignis wiedereröffnet. Wie zu Zeiten der Ahnen von Ferdi und Regine Samson wird hier wieder ausgeschänkt. Die historische Tenne wird kurzerhand zum Stummfilmkino umfunktioniert.

Allerlei Kuriositäten sorgen unterdessen draußen für Aufsehen. Zum Beispiel die „Dame mit Bart“, die durch ein Loch im Bretterzaun bestaunt werden darf. Zu späterer Stunde wird „sie“ versteigert. Heiner Lüring zeigt Schmiedekunst vom Feinsten, „Tante Emma“ verkauft „Wunderwasser“ und Manni Weirowski eröffnet mit Arnold Linder ein „Photoatelier“. Hauptorganisator Thomas „Mötte“ Gerullis ist sicher: „Wer das nicht erlebt hat, ist selber schuld . . .“ 

 


Reporter vor Ort waren: Sebastian Schnurpfeil und Christian Wolff