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Bürgerinitiative Bosenberg weist auf massive Beeinträchtigungen hin

Geschrieben von Christian Wolff

Die Anwohner des Ortsteils Bahnhof in Vorhelm wittern „dicke Luft“. Die im Industrie-Mischgebiet Bosenberg geplante Biogasanlage und das angegliederte Getreidespeicherwerk sorgen für wachsenden Unmut nicht nur bei den Anliegern der „Alten Ladestraße“.

Foto: Ahlen-Vorhelm.de Archiv
Cornelia Beck, Bürgerinitiativen-Sprecherin

Ahlen-Vorhelm.de sprach mit der Sprecherin der Bürgerinitiative, Cornelia Beck, die selbst Landwirtschaft betreibt und als Anwohnerin betroffen ist.

AV: Frau Beck, was haben Sie und Ihre Mitstreiter gegen eine Biogasanlage am Bosenberg?

Beck: Gegen eine Biogasanlage an sich haben wir überhaupt nichts. Im Gegenteil, wir begrüßen die Nutzung erneuerbarer Energien.

AV: Warum dann die große Ablehnungshaltung?

Beck: Unserer Meinung nach passt eine Biogasanlage geruchsmäßig nicht in unmittelbare Nähe eines Wohngebietes. Und, was die Vorhelmer Bürgerinnen und Bürger vielleicht noch nicht wissen – hier rollt eine gewaltige Verkehrslawine auf uns zu. Mit großen Problemen für Vorhelm und seine Bewohner.

AV: Können Sie das konkretisieren?

Beck: Unsere Sachverständigen Bernd Stürmer und Kristian Knipping haben nachgewiesen, dass wir allein im Ortsteil Bahnhof in den Erntemonaten mit einer bis zu achtfachen Lärmbelastung leben müssen. Es wird dabei etwa so laut wie an einer Autobahn. Lärm macht krank! Die Traktoren, mit denen der Mais in die Biogasanlage gefahren wird, wiegen bis zu 40 Tonnen. Die Güllefahrer manchmal unerlaubterweise noch mehr. Das wird große Schäden an den Straßen verursachen. Bereits jetzt sieht man die Spurrillen auf der Alten Ladestraße. Laut Auskunft eines Straßenbau-Ingenieurs wird die Alte Ladestraße spätestens in zwei Jahren komplett renovierungsbedürftig sein. Den Straßen im Dorf wird es ähnlich gehen.

AV: Nun könnte man sagen – was kümmert die Vorhelmer Dorfbewohner der Bahnhof?

Beck: Etwa 90% des Anlieferverkehrs für Bosenberg wird auch durch das Dorf Vorhelm rollen. Die Traktoren und ihre Anhänger sind bis zu 3,49 m breit. Momentan spricht man davon, die Hauptstraße optisch zu verengen. Wenn sich zwei Gespanne begegnen, wird es also schon kritisch. Unfälle, Staus und gefährliche Situationen werden im Dorf dann an der Tagesordnung sein. Die Immobilien der Hauptsraßen-Anwohner werden durch die Vibrationen der schweren Gespanne stark in Mitleidenschaft gezogen.

AV: Man wirft Ihnen vor, das sei Übertreibung – Malen Sie damit den Teufel an die Wand?

Beck: Wenn Sie mal durch Hamburg-Finkenwerder fahren (dort ist das Airbus-Werk, die Red.), sehen Sie an jedem zweiten Haus ein Schild: „Schützt unsere Immobilien – Umgehungsstraße sofort!“ oder „Lärm, Schmutz, Vibrationen – wir sind es leid!“ und so weiter. Dort fahren auch bis zu 50 Tonnen schwere Transporter von früh morgens bis in die späte Nacht. Diese Schilder werden irgendwann auch im Dorf Vorhelm stehen, falls die Anlage in der geplanten Form in Betrieb geht. Aber dann wird es zu spät sein. Die Stadt Ennigerloh hat in einem Schreiben übrigens ausdrücklich darauf hin gewiesen, dass sie eine Umfahrung ihres Ortsteils Enniger durch die Traktorgespanne wünscht. Aus gutem Grund. Der Stadt Ahlen scheint es nichts auszumachen, dass sich fast der gesamte Bosenberg-Lieferverkehr durch das Dorf Vorhelm wälzen wird.

AV: Stadt und Ortsausschuß weisen immer auf die strengen Auflagen für die Betreiber hin.

Beck: Strenge Auflagen sind schön und gut. Aber wer kontrolliert deren Einhaltung? Und es gibt zahlreiche Beispiele, wie man Auflagen mit Ausnahmegenehmigungen aushebeln kann. Landwirtschaftliche Fahrzeuge dürfen beispielsweise mit Ausnahmegenehmigungen fast ohne Beschränkungen rund um die Uhr fahren – anders als z.B. LKW. Und die Aussage, wir könnten ja bei Verstößen das Ordnungsamt rufen, ist auch wenig tröstlich. Rufen Sie mal nachts um zwei oder am Wochenende beim Ordnungsamt an.

Foto: Bürgerinitiative Bosenberg
Die Maismiete in der Bauerschaft Sudfeld / Sendenhorst
AV: Die Betreiber haben zum Teil freiwillige Beschränkungen, z.B. Tempo 30, angekündigt.

Beck: Mal abgesehen davon, dass ein Trecker bei Tempo 30 fast genauso viel Lärm macht wie bei Tempo 50 – für die Betreiber geht es um Geld. Freiwillige Aussagen sind leicht zu machen, wenn später niemand deren Einhaltung durchsetzen kann. Siehe Ordnungsamt und Co. Vor kurzem haben wir den Hinweis bekommen, dass in der Sendenhorster Bauerschaft Sudfeld bereits Maissilage für die Biogasanlage von über 4.000 Tonnen lagert. Es wird also offensichtlich schon fleißig gebunkert, um nach der Genehmigung sofort massiv loslegen zu können. Übrigens, 4.000 Tonnen in Sendenhorst sind bereits die ersten 100 Fahrten durch Vorhelm–Dorf.

AV: Werfen sie den Betreibern Unehrlichkeit vor?

Beck: Es ist ähnlich wie in der Werbung. Da wird auch nicht gelogen. Aber unerwünschte Fakten werden einfach weggelassen. Das von den Betreibern vorgelegte Gutachten beruhte auf Schätzungen. Das ist zwar rein rechtlich erlaubt, geht aber weit an der Realität vorbei. Wir haben nachgewiesen, dass die tatsächliche Verkehrs- und Lärmbelastung um ein Vielfaches höher ist als im Betreibergutachten angegeben. Wir werden weitere Messungen durchführen und diese auch rechtlich einwandfrei dokumentieren. Wenn die Stadt Ahlen ein unabhängiges Gutachten in Auftrag geben würde, dürfte die Anlage in dieser Form wohl nicht gebaut werden. Hier scheint aber der Wille, die Bosenberg-Brache zu reaktivieren größer zu sein als der politische Auftrag, für das Wohl der Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt zu arbeiten. Die Verantwortlichen in Stadt und Ortsausschuss müssen sich aber fragen lassen: „Wollt ihr für kurzfristiges Investoreninteresse die über Generationen geschaffenen Immobilienwerte der Bürgerinnen und Bürger aufs Spiel setzen?“

AV: Aber die Entscheidung ist doch schon gefallen, oder?

Beck: Zunächst mal läuft die öffentliche Einspruchsfrist gegen den vorgezogenen Bebauungsplan noch bis zum 27.Mai. Alle Bürgerinnen und Bürger können sich schriftlich beim Bau- und Planungsamt der Stadt Ahlen beschweren. Unsere Bürgerinitiative wird dazu am Samstag, dem 16.Mai vor dem Edeka-Markt in Vorhelm einen Infostand aufbauen, wo sich jeder in eine Unterschriftenliste eintragen kann. Die Umweltschutzorganisationen BUND und NABU haben bereits als Träger öffentlicher Belange durch ihre Einsprüche das beschleunigte Verfahren zur Inbetriebnahme der Anlage verhindert. Auch die Freie Wählergemeinschaft hat sich auf einem Treffen mit unserer Bürgerinitiative gegen das Projekt ausgesprochen. Es ist also nicht so, dass Bosenberg auf einhellige Zustimmung trifft. Wir wollen durch möglichst umfassende Information alle Seiten auf die Risiken und Nebenwirkungen aufmerksam machen.

AV: Zum Schluss: Haben Sie einen Lösungsvorschlag?

Beck: Baut eine Zufahrt durchs Industriegebiet Ost und zumindest das Verkehrsproblem wäre gelöst. Oder: plant den Getreidehandel ohne Biogasanlage. Dann erwartet uns sehr viel weniger an Verkehr und wir haben keine Geruchsbelästigung durch Gülle, Mist und halb verrottetem Kompost.


   Das Interview führte AZ-Redakteur Christian Wolff