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120 Jahre Vorhelm Bahnhof

Geschrieben von Israel Mossad
Wechselvolle Gleisgeschichten aus Krieg und Frieden

„Wir brauchen einen eigenen Bahnanschluss.“ – So oder ähnlich wird es in jener Gemeinderatssitzung gesagt worden sein, in der auch der Bau einer neuen Volksschule in Tönnishäuschen beschlossen wurde.

 

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Aus der Anfangszeit des Bahnhofs 1888
Das war im Januar 1888. Ein Jahr später, im Frühjahr 1889, wird daraus der „Antrag auf Erteilung einer Haltestelle an die Königliche Eisenbahndirektion Hannover“. Im Klartext: Auf der Mitte zwischen den Bahnhöfen Ennigerloh-Beckum (heute Neubeckum) und Ahlen soll ein neuer Haltepunkt entstehen, der „Bahnhof Vorhelm“.


Die Kosten der Haltestelle sollen je zur Hälfte auf Vorhelm und Enniger verteilt werden. Enniger weigert sich, weil es keine direkte Straßenverbindung zum Bahnhof hat. Deshalb soll eine Verbindungsstraße nach Enniger gebaut werden.

Die Errichtung des Bahnhofs bedarf zusätzlich der Genehmigung des Preußischen Landtags. Die Zuschüsse zum Bau werden zu verschiedenen Anteilen von der Vorhelmer Bevölkerung bezahlt. Der Graf war mit 1000 Mark beteiligt, größere Bauern zahlen 100 Mark, Arbeiter und „einfache Leute“ haben drei bis fünf Mark zu zahlen.

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Der Bahnhof Mitte der 70er Jahre
Schon im August 1890 wird die Abfällung im Gelände vorgenommen. Und noch ein Jahr später gibt es an der Station bereits einen Warteraum und einen Güterschuppen, der später zur Wohnung umgebaut wird. Lange Zeit werden hier Milchkannen zum Transport nach Dortmund verladen.


Durch die aufkommende Industrialisierung Ahlens mit der Emailleproduktion und dem Abteufen der Zeche entsteht ein großes Fahrgastaufkommen in Richtung Ahlen, aber auch nach Beckum-Ennigerloh und Oelde / Rheda, so dass im Jahr 1912 ein viergleisiger Ausbau der Bahnanlage vorgenommen wird. Ein Beleg dafür, wie wichtig diese Strecke damals schon ist.
Im Zweiten Weltkrieg ist die Bahnlinie Hamm-Bielefeld mit Beginn der Luftangriffe auf Deutschland immer wieder Attacken alliierter Flieger ausgesetzt.  Hauptziele sind zwar der Hammer Bahnhof und die Ahlener Industrieanlagen, jedoch werden auch auf fahrende Züge Angriffe geflogen. So gibt es 1944 in Höhe des Zementwerks Bosenberg heftige Detonationen. Allierte Jäger beschießen einen Munitionszug – das Haus Bücker wird stark beschädigt. Die Familie, die im Keller Zuflucht gesucht hat, kommt  mit dem Schrecken davon. Der Lokführer des Zugs wird getötet, einige Soldaten schwer verwundet.

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Abbruch der Gebäude 1978
Vergleichsweise ruhig geht es in der Nachkriegszeit zu. Während der „Wirtschaftswunderjahre“ wird der Bahnhof von zahlreichen Vorhelmern genutzt, die nach Ahlen oder Neubeckum / Oelde zur Arbeit fahren. Doch die zunehmende Motorisierung der Bevölkerung bringt schon Ende der 60er Jahre einen immer stärkeren Rückgang des Fahrgastaufkommens mit sich.


Erste sichtbare Folge: 1978 wird das Bahnhofsgebäude – ohnehin seit längerer Zeit nicht mehr geöffnet – abgebrochen. Fahrkarten gibt’s fortan nur noch am Automaten, was vor allem ältere Bürger beklagen. Genau zehn Jahre existiert der Haltepunkt auch ohne Gebäude weiter. 1988 zum Fahrplanwechsel ist Schluss.

 

 

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Ab 1978 nur noch ein Fahrkartenautomat

Im Zeitraum August bis November 1994 werden die Güterzuggleise im Bereich Vorhelm umfassend umgebaut – von Oberbauerneuerung über Bettungserneuerung bis hin zur Entwässerung. Im Zuge dieser Maßnahmen werden auch die Anschlussgleise ausgebaut, so dass es seit diesem Zeitpunkt nur noch vier durchlaufende Gleise gibt – und wirklich nichts mehr daran erinnert, dass hier einmal so etwas wie Bahnhofscharakter existierte . . .

Fotos: Archiv / Reinhard Leupold / Dietmar Weber / Klemens Gründel 

 

 

 

 

Bahnfreund aus dem Ruhrgebiet verbindet Kindheitserinnerungen mit dem alten Bahnhof

Foto: Christian Wolff
Bitte anhalten! Armin Preissner wünscht sich den Bahnhof zurück
Kindheitserinnerungen werden bei Armin Preissner wach, wenn er am alten Vorhelmer Bahnsteig steht. Und das ist selten geworden, da der gebürtige Ennigerloher seit langem im Ruhrgebiet lebt. Doch immer dann, wenn der Bahnfreund auf Verwandtschaftsbesuch in der Wibbeltgemeinde weilt, dürfen die Blicke über die Schienen Richtung Hamm und Neubeckum nicht fehlen.  


Am  28. Mai 1988 hielt zum letzten Mal ein Zug im Bahnhof Vorhelm. „Die Bundesbahndirektion begründete das – wie an vielen anderen Orten auch – mit zu geringem Fahrgastaufkommen“, weiß Preissner. Und obwohl der Hertener bei dieser historischen letzten Fahrt vor 20 Jahren  nicht dabeisein konnte, hat er natürlich recherchiert, dass jener Zug erst mit vier Minuten Verspätung  um 15.57 Uhr  einfuhr. Doch er wurde mit allen Ehren empfangen. Weit über 100 Vorhelmer Bürger pilgerten zum Bahnhof. Einige waren sogar festlich gekleidet im Ahlener Bahnhof eingestiegen, um mit dem letzten Zug noch einmal im Hellbachdorf auszusteigen. Der Heimatverein sorgte für das entsprechende Rahmenprogramm.

Was Armin Preissner wundert: „Es hat damals kaum nenenswerte Proteste gegeben.“ Dabei sei absehbar gewesen, dass der von Bahn angepriesene Busverkehr nicht in ausreichendem Maße Ersatz bieten würde. „Die Bahn wollte sich des Haltepunkts entledigen. Aber würden sich die Vorhelmer das heute auch noch gefallen lassen?“, fragt er sich. Aber wer weiß – vielleicht werden nach dem Rot-Weiß-Aufstieg die Vorhelmer Hotelbetten wieder so gefragt, dass auch ein Gleisanschluss nicht ausgeschlossen ist.

Foto: Archiv
Einer der letzten Züge hält im Vorhelmer Bahnhof
Aber das sagt Preissner natürlich nur mit Augenzwinkern. Durch Internet-Recherchen knüpfte er inzwischen Kontakt zu weiteren Bahnfreunden in Deutschland, die ihm Informationen zum stillgelegten Haltepunkt beisteuern konnten. Dazu gehören Reinhard Leupold aus Rheine, der ebenfalls gebürtig aus Ennigerloh stammt, sowie Dietmar Weber aus Duisburg und der Sammler Heinz Kopp. Sie schickten Preissner nicht nur Fotos, sondern auch Gleispläne und Stellwerksdaten (Vorhelm hatte zwei).

„Es gab in der Gründungsphase  einen gewissen Bedarf für diese Haltestelle, obwohl sie sich doch recht weit vom eigentlichen Dorfkern entfernt befand“, erinnert sich der Hertener. „Damals war es wohl ganz normal, die zwei Kilometer zu Fuß oder per Fahrrad zurückzulegen, um zur Eisenbahnstation zu gelangen.“

Im Bereich des Bahnhofs Vorhelm sind vier durchlaufende Hauptgleise vorhanden, und zwar je zwei für den Personenverkehr und den Güterverkehr. Preissner: „Da die Zugfolge im Personenverkehr recht beachtlich war, konnte man den Güterverkehr nicht auch noch diese Gleise befahren lassen, weshalb der Güterverkehr zwei parallel verlaufende Gleise beansprucht. Die Gleise 3 und 4 wurden schon in den Jahren 1912 bis 1916 in Betrieb genommen. Seit dieser Zeit gab es in Vorhelm immer schon vier Hauptgleise.“


„Damals war es wohl ganz normal, zwei Kilometer zu Fuß oder per Fahrrad zurückzulegen.“
Armin Preissner


Foto: Christian Wolff
Die Querungsbrücke über den Gleisen
Der Bahnsteig für Gleis 1 in Richtung Hamm ist in solider Betonbauweise angelegt mit klarer Begrenzung zum Gleisprofil – und bis heute vorhanden. Er reichte vom Ansatz der stählernen Bahnsteigüberführung bis zur Brücke, wo die Straße „Am Bosenberg“ überquert wird, wo das dortige Zementwerk über einen eigenen Anschluss verfügte. An diesem Bahnsteig lag auch das 1978 abgerissene Empfangsgebäude.

Der Bahnsteig für Gleis 2 in Richtung Bielefeld befand sich aufgrund baulicher Gegebenheiten weiter versetzt Richtung Westen. „Um diesen Bahnsteig zu erreichen, mussten beide Gleise des Personenverkehrs überquert werden“, weiß der Bahnfreund. „Hierfür stand bis zuletzt eine 1954 errichtete stählerne Bahnsteigüberführung für den Fußgängerverkehr zur Verfügung. Davor existierte eine hölzerne Bahnsteigüberführung, die baufällig wurde und  im Jahr 1954 von jener stählernen Brücke ersetzt wurde.“ Armin Preissner weiß noch: „Wenn man in einer Fahrkartenausgabe eines größeren Bahnhofes eine Fahrkarte nach Vorhelm kaufte, so hatte Vorhelm die Code-Nr. 6115.“

Fotos aus der Geschichte des Bahnhofs auch in unserer  Fotogalerie

Aus der Historie des Haltepunkts Vorhelm

1891

Es heißt im Juli, vier Züge in jeder Richtung würden ausreichen.
Güter- und Viehabfertigung können im Oktober beginnen. Ladevorrichtungen hierfür sind jetzt vorhanden.

1899

Der Bahnsteig wird in östlicher Richtung verlängert.

1918

Kaiser Wilhelm II. begibt sich ins Exil. Auf seinem Weg nach Holland passiert er auch den Vorhelmer Bahnhof. Seine Majestät geruhen allerdings nonstop zu reisen.
 

1945

Ein Personenzug wird von Jagdfliegern beschossen und kommt direkt im Bahnhof Vorhelm zum Stillstand. Die Jäger kommen mehrmals zurück und beschießen die aus dem Zug flüchtenden Zivilpersonen. Die schreckliche Bilanz: Sieben Tote, darunter ein Kind und zahlreiche Verletzte.

1945

Queen Elisabeth II von England passiert auf ihrer Deutschlandreise zusammen mit vielen prominenten deutschen Politikern den Bahnhof.
1988Der letzte Zug hält im Hellbachdorf. 
1989Die vielbefahrene Ost-West-Strecke Ruhrgebiet-Berlin, an welcher der Haltepunkt Vorhelm liegt,  erfährt nicht zuletzt durch die Wiedervereinigung beider deutscher Staaten einen bedeutsamen Aufschwung.
1994
Die kompletten Nebengleise und auch der Gleiswechsel in der Güterhauptbahn werden von August bis November abgebaut.
  
  
  
  
  
  

 


 Christian Wolff schreibt für Ahlen-Vorhelm Web Portal und die Ahlener Zeitung