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Ein Thaler "Bedeckungsgebühr"

Die Kapellengemeinde Tönnishäuschen stand einst im Zentrum heimischer Pferdezucht

Wer an Pferdezucht in Westfalen denkt, kommt zwangsläufig auf die heutige Kreisstadt Warendorf zu sprechen. Dass aber die kleine Kapellengemeinde Tönnishäuschen viele Jahrzehnte lang im Zentrum der Zucht stand, ist heute nur noch wenigen bekannt.

Die Familie Samson betrieb über Generationen neben ihrer bekannten Gaststätte "Alte Schänke" - heute Landgasthof - eine so genannte Deckstation. Viele gesammelte Dokumente, die Ex-Wirt Ferdi Samson wie einen Schatz hütet, geben Aufschluss über die Entwicklung dieser Einrichtung am Knotenpunkt Münster-Beckum und Ahlen-Warendorf.

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Auf einer alten Postkarte ist das Haus Samson abgebildet. Rechts die Deckstation.
"Seit 1833 verfügt die Familie Samson auf ihrem Hof in Tönnishäuschen über eine Deckstelle des Landgestüts", bescheinigt ein Diplom den besonderen Dienst des Hauses. Ein weiteres seltenes Dokument ist eine stark vergilbte Quittung, die auch als Deckschein Gültigkeit hatte. Datiert auf den 2. Juni 1840, belegte sie dem Colon Pieke aus Enniger, eine Rappstute dem Hengst "Uranus" zugeführt zu haben. Neben dem Alter der Stute - sieben Jahre - ist auch deren Widerristhöhe mit fünf Fuß und zwei Zoll angegeben. Die Bedeckungsgebühr betrug damals einen Thaler, dessen Empfang ein gewisser Herr Samson, wohl ein Ur- oder gar Urgroßvater von Ferdi Samson, mit seiner Unterschrift bescheinigte. Der Ex-Wirt selbst kann nur raten, um wen es sich dabei handeln könnte. Das sei aber auch zweitrangig, meint er, denn von solchen Scheinen sind nur noch sehr wenige erhalten. Über den königlichen Landbeschäler "Uranus" ist ebenso wenig in Erfahrung zu bringen. "Mit großer Wahrscheinlichkeit handelte es sich jedoch um einen Vertreter der so genannten Edelzucht, einen Ostpreußen", sagt Samson. Denn: Das Landgestüt Warendorf diente in den ersten 50 Jahren seines Bestehens nur der Warmblutzucht, wobei die ostpreußische Zuchtrichtung in den Gründerjahren bevorzugt wurde. Pferde, die sich durch Ausdauer und Anspruchslosigkeit auszeichneten waren vor allem für Militärzwecke bestens geeignet.

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Das älteste Dokument: Der Colon Pieke bezahlte am 2.6.1840 einen Thaler
Westfalen war damals von den preußischen Militärbehörden als "Remonteprovinz" in Aussicht genommen worden. Im Jahr 1845 wurden sogar fünf Remontedepots eingerichtet, unter anderem in Beckum und Vorhelm. Solche Remontedepots hatten den Zweck "die für die Armee angekauften jungen Pferde bis zu deren Abgabe an die Truppen zur Vervollkommnung ihrer körperlichen Entwicklung und Ausbildung in Wartung und Pflege zu nehmen", so steht es in den "Instruktionen für die Königliche Remonte-Depot-Administration". Diese bestanden jedoch nur bis etwa 1850. Die Anzahl der "Beschäler"-Pferde (Deckhengste) wuchs mit der Zeit, wie beim weiteren Blättern in den Dokumenten deutlich wird. 1841 wurden 82 verzeichnet.

Den höchsten Bestand an Hengsten gab's aber erst in jüngerer Zeit: 1949 konnte der Rekord von 376 Hengsten vermeldet werden. Kein Wunder, dass Tönnishäuschen in Folge mehrfach Treffpunkt vieler Pferdezüchter wurde. Zahllose Zuchtschauen konnten auf dem Gelände an der Deckstation ausgerichtet werden. Noch bis Anfang 1979 bestand die Deckstelle Tönnishäuschen weiter. Franz Artmann war nach Fritz Samson, dem Vater von Ferdi Samson, der letzte Gestütshauptwärter und hatte wie seine Vorgänger eine bewohnbare Kammer im Haus. Bis heute geblieben sind die Boxen, in denen die Hengste einst standen. Und die Kammer ebenfalls. Am auffälligsten ist jedoch ein rostiges Schild an einer Tennentür, auf dem noch "Deckzeiten" zu lesen sind.

Seit einiger Zeit lebt der Geist der Pferdezucht in der früheren "Alten Schänke Samson" übrigens wieder auf: Einmal im Monat treffen sich dort nämlich Trakehnerfreunde aus der Region zu einem informativen Austausch - und knüpfen damit an eine uralte Pferdetradition im kleinsten Ahlener Ortsteil an.

Fotos: Christian Wolff

 Christian Wolff schreibt für Ahlen-Vorhelm Web Portal und die Ahlener Zeitung.


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